Sonntag, 8. Juli 2012

70er Jahre





















Zur Zeit (Sommer 2012) findet im Museumsdorf Cloppenburg die Sonderaustellung "Umbruchszeit" statt, die den neuen Lebensstil der 1960er und 70er Jahre zeigt. In jener Zeit war die erste Nachkriegsgeneration herangewachsen. Sie brach zu einem großen Teil mit dem Lebensstil der Vor- und unmittelbaren Nachkriegszeit, sowie mit den alten autoritären Konventionen und Wertvorstellungen aus der Vorkriegszeit und erfüllte die junge Demokratie mit Leben. Zeitgleich fand ein Wirtschaftswachstum von jährlich über 3% und eine permanente Steigerung der Produktivität statt, wovon die Arbeitnehmer einen guten und angemessenen Anteil bekamen, was damals noch selbstverständlich war. Die Lohnquote (Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Bruttoinlandsprodukt) betrug rund 70%. Der Lebensstandard stieg permanent, Konsum und Binnenmarkt florierten. Vermutlich auch aufgrund des Wettbewerbs der beiden Weltsysteme Kapitalismus und Sozialismus wurde ein Sozialstaat ausgebaut, von dem wir heute nur noch träumen können. Hinsichtlich der Sozialpolitik gab es unter dem Begriff "Soziale Marktwirtschaft" einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, der heute nicht mehr besteht. Der "Eiserne Vorhang" sorgte für Stabilität und Frieden in Europa und wurde dennoch durch die Entspannungspolitik für die Menschen allmählich durchlässiger. Natürlich gab es auch Krisen wie etwa die sogenannte Ölkrise. Mit diesen Situationen ist die Politik gut fertig geworden. Die mit den an Keynes orientierten Konjunkturprogramme waren erfolgreich. Der kommende große Strukturwandel in der Industrie war allerdings schon absehbar, nicht aber die "Wende" und die spätere Entfesselung des Kapitalismus. Es schien immer nur besser zu werden und vorwärts zu gehen. Begleitet war die Zeit vom Siegeszug der afro-amerikanischen Musik. Die 70er Jahre waren insofern ein goldenes Zeitalter.

Im Begleitprospekt der Ausstellung ist zu lesen: "[...] Konsum, Partizipation, Selbstverwirklichung sind Schlüsselbegriffe eines Lebensgefühls, das mit neuer publizistischer Macht in der Gesellschaft allgegenwärtig ist. Pardon und Konkret, Twen, Bravo, Eltern und Jasmin heißen nun die Zeitschriften, die neben dem seit 1967 auch farbigen Fernsehen die Wahrnehmung prägen. Enttabuisierung und Befreiung werden zu Synonymen, die 'Pille' zum Symbol eigener Entscheidungskraft. [...] PopArt ist überall. Bunt und aufreizend kommt die neue Mode daher. Gleichzeitig markieren lange Haare, Jeans und Parka die Uniformen eines neuen Lebensstils, der sich vermeintlich individualistisch gegen das Alte kehrt. Musik spielt, wo man geht und steht. Plattenspieler, Kofferradio und Kassettenrecorder schaffen den mobilen Sound. So mancher Landgasthof mausert sich zur Diskothek, so mancher Bauernhof zum Plattenstudio. Im politischen Aufbruch kommen Reform und Liberalisierung auf die Tagesordnung. Bildung steht ganz oben an, und so manche Region erfüllt sich den Traum einer eigenen Universität. Zunehmend sind es nicht mehr nur die Parteien, sondern 'Bewegungen', in denen sich politischer Wille manifestiert. Frieden und Umwelt werden zu ihren Anliegen, Krieg und Kernkraftwerke seither zu Themen ungebrochener Aktualität. [...]"